Warum darf mir niemand helfen, wenn ich nicht mehr kann?

Niemand möchte sich gerne in sein Leben dreinreden lassen. Keiner möchte, dass seine Lieben leiden müssen. Jetzt nicht und beim Sterben schon gar nicht.

Aber warum darf man dann beim Sterben nicht helfen? Was ist „Sterbehilfe“ überhaupt? Und was hat der Staat am Sterbebett verloren?

Lesen Sie hier die wichtigsten Fragen & Antworten:

Warum darf ich nicht sterben, wenn ich nicht mehr kann?

„Wenn man kein Therapieziel mehr hat und nur noch das Sterben verlängert wird, dann muss man aufhören.“


Prim. Univ. Prof. Dr. Rudolf Likar, Facharzt für Anästhesiologie u. Intensivmedizin, Präsident der Österreichischen PalliativGesellschaft (ÖPG)

Medizinisch spricht man von einer Therapiezieländerung: es kommt zu einem Therapieabbruch einer lebensverlängernden Maßnahme. Stattdessen wird der Fokus auf die palliativmedizinische Betreuung gelegt, also auf die Schmerz- und Symptombehandlung.

Rechtlich wurde diese Vorgehensweise der Ärzte durch § 49a Ärztegesetz abgesichert. Darin heißt es: „Im Rahmen palliativmedizinischer Indikationen ist es zulässig, Maßnahmen zu setzen, deren Nutzen zur Linderung schwerster Schmerzen und Qualen im Verhältnis zum Risiko einer Beschleunigung des Verlusts vitaler Lebensfunktionen überwiegt.“

Auch aus ethischer Sicht gibt es keine Pflicht zur Lebensverlängerung um jeden Preis: Wenn die Lebensverlängerung nur noch Leidensverlängerung ohne Heilung mit sich bringt, ist es ethisch vertretbar, die Behandlung auf wirksame palliative Maßnahmen zu reduzieren.

Was hat der Staat an meinem Sterbebett verloren?

Der Staat sieht sich in der Pflicht, Menschen innerhalb seines Rechtssystems vor Angriffen auf Leib und Leben zu schützen. Österreich sieht sich dabei in der Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass sich Menschen auch dann wertgeschätzt, unterstützt und versorgt fühlen können, wenn sie einsam, krank, hilfsbedürftig oder schwach sind.

Aus diesem Grund wird u.a. in die Kranken- und Pflegeversorgung, die soziale Absicherung und die Integration bis Inklusion von Menschen mit Behinderungen investiert. Um den besonderen Fragen am Lebensende zu entsprechen, wird die palliativmedizinische Versorgung und Hospizbetreuung laufend weiterentwickelt und ausgebaut.

Aus dem gleichen Grund wird auch in die Suizidprävention investiert. In Österreich sterben jährlich etwa 1.200 Menschen durch Selbstmord. Das sind 2,5-mal so viele wie im Straßenverkehr. Durch Anstrengungen in der Suizidprävention konnte diese Zahl in den letzten Jahren gesenkt werden. Eine pro-suizide Gesetzgebung im Rahmen der „Sterbehilfe“ wäre mit einer Suizidprävention nicht vereinbar. Auch wenn sich eine Person entscheidet, sich selbst das Leben zu nehmen, möchte Österreich die Menschen nicht durch sein Rechtssystem dazu animieren oder legitimieren. Der Staat kann nicht zwischen „guten“ und „schlechten“ Suiziden unterscheiden. Er kann nicht werten, ob eine Selbsttötung "nachvollziehbar" war oder "übertrieben", "übereilt". 

Die Solidarität mit Menschen in Lebenskrisen verlangt es, dass unser Rechtssystem dem Willen einzelner Grenzen setzt: Jeder darf Behandlungen ablehnen, selbst wenn dies zu seinem Tod führt (Abwehrrecht). Aber keiner darf jemand anderen dazu bestimmen, ihn durch Mitwirkung an seinem Suizid oder Durchführung einer Handlung zu töten. Damit soll verhindert werden,

  • dass ein potentieller Sterbewille von Menschen durch das österreichische Rechtssystem noch unterstützt wird;
  • dass Angehörige, Ärzte und andere Gesundheitsberufe unter Druck gesetzt werden, ihre Schutzbefohlenen zu töten;
  • dass Menschen das Gefühl vermittelt wird, nicht mehr lebenswert zu sein.
Warum wird mein Wille nicht respektiert?

Ob die Entscheidung, sein Leben selbst zu beenden, noch vom Selbstbestimmungsrecht eines Menschen umfasst ist oder nicht, ist Gegenstand ethischer Debatten. Das Selbstbestimmungsrecht ist das Recht des Einzelnen oder von Gruppen, die eigenen Angelegenheiten frei und eigenverantwortlich zu gestalten (vgl. bpb, 19.6.2018). Während die einen den frei gewählten Suizid als letzten Ausfluss dieses Selbstbestimmungsrechts werten, sehen die anderen darin eine Absage an die Autonomie und Freiheit des Menschen, da durch den Suizid der Träger der Freiheit selbst vernichtet wird. Unabhängig von dieser grundsätzlichen ethischen Beurteilung wirft das Kriterium des freien Willens aber weitere kritische Aspekte auf:

Wenn man dem Argument zustimmt, dass „Sterbehilfe“ erlaubt werden sollte, weil damit das Selbstbestimmungsrecht des Menschen gewahrt werde, dann dürfte man dieser „Sterbehilfe“ keine Grenzen setzen – jeder sollte unter welchen Beweggründen auch immer „Sterbehilfe“ in Anspruch nehmen dürfen. Eine Beschränkung dieses „Rechts“ durch „unerträgliche Schmerzen“, Alter oder körperliche Beeinträchtigungen wäre juristisch nicht haltbar wie das Deutsche Bundesverfassungsgericht mit seiner Entscheidung vom 26.2.2020 für Deutschland bereits vorjudiziert hat.

Wenn man den freien Willen des Menschen als ausschlaggebendes Moment für die Zulassung der „Sterbehilfe“ annimmt, so übersieht man, dass genau dieser „freie“ Wille in den seltensten Fällen gegeben ist.

  • Das Bild des „autonomen, rationalen Menschen“ in der verletzlichen Situation einer schweren Erkrankung, Gebrechlichkeit oder Lebensmüdigkeit ist eine Illusion.
  • Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er ist immer abhängig von anderen Menschen. Damit ist er empfänglich für die Erwartungen und Wertzuschreibungen der Personen, die ihn umgeben.
  • Immer wieder bestätigen zahlreiche Berichte von Betreuern von Sterbenden, dass sich der Wille eklatant ändert, wenn der Mensch tatsächlich in die von ihm vorweg genommene Situation kommt.

Der Wunsch „Ich will nicht mehr leben“, ist oft missverständlich. Er bedeutet erfahrungsgemäß nicht, „Ich will getötet werden“ oder „Ich will mich töten“, sondern „Ich will so nicht mehr leben“. Wer auf diesen Wunsch mit der Legalisierung von „Sterbehilfe“ reagiert, macht es sich zu leicht. Um hier menschgerecht zu reagieren, muss konkret auf die Nöte des Leidenden eingegangen werden; auf seine physischen und psychischen Schmerzen (Palliativ- und Hospizversorgung), seine Vereinsamung (Pflege und betreutes Wohnen), den Erhalt seiner Entscheidungsfreiheit (Behandlungsautonomie) und die Unterstützung seiner Angehörigen (Pflegehospizkarenz, mobile Pflege).

Wieso darf mir niemand helfen, wenn ich meinem Leben ein Ende setzen möchte?

Das Verbot der Mitwirkung am Selbstmord ebenso wie das Verbot der Tötung auf Verlangen sind ein Bollwerk gegen die (mehr oder weniger freiwillige) Selbstaufgabe von Menschen. Diese Normen signalisieren: „Du bist es wert, geschützt zu werden“.

„Sterbehilfe“ ist nicht ein Akt der Barmherzigkeit, sondern einen Akt der Entsolidarisierung. Kranke, schwache oder leidende Menschen fühlen sich ohnehin häufig als „Last“ für andere. Mit einer Aufweichung des österreichischen Weges würde der gesellschaftliche Druck auf Betroffene wachsen – wie auch Berichte aus jenen Ländern, in denen assistierter Suizid oder Tötung auf Verlangen erlaubt sind, zeigen. Der von ihrem Zustand verursachte Aufwand an Kraft, Zeit und Geld, wäre plötzlich von ihrer (freien) Entscheidung abhängig. Sie könnten ihn sich und den anderen jederzeit ersparen.

In jenen Ländern, in denen „Sterbehilfe“ legalisiert wurde, sinkt die Schwelle der Tötungshürde rasant: In Belgien gilt Euthanasie seit 2002 als unter bestimmten Bedingungen straffrei, inzwischen wird sie auch bei Neugeborenen und Depressiven angewendet; seit Februar 2014 haben auch Minderjährige ein Recht auf assistierten Suizid. In den Niederlanden dürfen Ärzte inzwischen auch Demente, Depressive und Neugeborene töten (‚aktive Sterbehilfe‘).

Kann man nicht Ausnahmen machen?

Der Gesetzgeber ist nicht blind vor der persönlichen Not mancher (sterbenskranker) Menschen und ihrer Angehörigen. Auch wenn also die Tat selbst strafbar ist, wird im Zuge der Beurteilung der Strafhöhe immer auf die besonderen Umstände Rücksicht genommen. Dabei spielt es eine wesentliche Rolle, aus welchen Motiven gegen Verbote verstoßen wurde. Man nennt das Milderungsgründe. Unter Berücksichtigung aller Milderungsgründe kann die persönliche Strafe bis zu einem Tag Geldstrafe bedingt herabgesetzt werden.

Damit hat der österreichische Gesetzgeber schon heute einen Weg gefunden, um zwischen der Norm („Du bist es wert, geschützt zu werden.“) und dem Einzelfall („Wir sehen Deine Not“) ausgleichen zu können und um zwischen der Tat (die vermieden werden soll und verboten ist) und dem Täter (dessen Beweggründe nachvollziehbar sein können) zu unterscheiden.

Medizinische Fragen: Download (pdf)